Das Auto der Zukunft
8. September 2008 _ Andrej Heinke
Das elektrisch angetriebene Auto ist oft verlacht worden, und noch öfter wurde es totgesagt. Davon hat es sich nicht beeindrucken lassen. Jetzt fährt es wieder, besser denn je, mal als Elektro-Smart in Berlin oder London, als Think in Skandinavien oder als Tesla-Sportwagen in Kalifornien.
"We gonna rock down to Electric Avenue
And then we'll take it higher"
Elektrisches Fahren hat viele Vorteile: keine Emissionen, phantastische Beschleunigungswerte, niedrige Kosten. Die Nachteile sind bislang noch eingeschränkte Reichweiten, teure Batterien, komplexe Leistungselektronik und keine ausreichende Infrastruktur für das Wiederaufladen. Dennoch wird dem elektrischen Fahren die Zukunft gehören. Warum?
Der hohe Ölpreis macht Elektroautos attraktiv
Zuerst ist da der Ölpreis. Auch wenn er von seinen Höchstständen gefallen ist, die Erinnerung an die hohen Benzinpreise ist geblieben und Neukunden tendieren zu kleineren und verbrauchsgünstigeren Modellen als bisher. In der Vergangenheit waren es die großen politischen Krisen, etwa der Nahostkrieg 1973, die iranische Revolution 1979 oder der Irak-Krieg vor wenigen Jahren, die den Ölpreis steil nach oben trieben. Eine Auseinandersetzung um den Iran oder das Wegbrechen Saudi-Arabiens, Anschläge auf Raffineriekapazitäten im Nahen Osten oder eine politisch provozierte Krise um Transitrechte bei Öl und Gas aus dem Osten wären Auslöser für ein solches Szenario in der Zukunft. Hinzu kommt der Energiehunger Chinas und Indiens. Im Resultat klaffen Angebot und Nachfrage bei fossilen Energieträgern auseinander - und das, noch ohne die Auswirkungen von Spekulation mit einzubeziehen.
Natürlich muss auch die Energie für Elektroautos irgendwo herkommen. Aber Elektroautos sind weniger direkt abhängig von unsicheren Ölquellen als Autos mit klassischen Verbrennungsmotoren. Es stehen einfach mehr Optionen zur Verfügung und jedes Land kann für sich entscheiden, ob es erneuerbare Energien stärker einbezieht oder auf Kohle- und Kernkraftwerke setzt. Klar ist: Ein Elektromotor hat einen ungleich höheren, genauer gesagt: etwa den dreifachen Wirkungsgrad eines Otto- oder Dieselmotors. Selbst wenn ein kleiner Verbrennungsmotor als „Range Extender“ zur Rückversicherung im Falle leerer Batterien im Auto mitgeführt wird, würde er bei idealen Laufbedingungen nur ein Bruchteil bisheriger Verbrauchswerte erreichen.
Bessere Schadstoffbilanz als Ottomotoren
Der aus meiner Sicht größte Vorteil liegt aber darin, dass ein Elektroauto keine Schadstoffe ausstößt. Nichts was stinkt oder staubt – Zero! Kritiker werden einwenden, dass die Schadstoffe dafür an anderer Stelle, bei den Kraftwerken entstehen und die Gesamtenergiebilanz deshalb nicht viel besser ist. Dabei verkennen sie aber, dass Kraftwerke unter optimalen Bedingungen laufen und keinen Stadtverkehr oder Stau kennen. Die Schadstoffe können hier direkt gebunden werden und die dafür eingesetzten Technologien werden immer besser. Zum erwarteten Mehrbedarf an Energie gibt es, je nach Quelle, verschiedene Schätzungen: von einer Steigerung von16 Prozent bis hin zu einer notwendig werdenden Verdoppelung der Kraftwerkskapazitäten.
Vor allem zwei Faktoren halten das Elektroauto davon ab, die Ottos und Diesels dieser Welt zu verdrängen: Batterie und Leistungselektronik. Die Lithium-Ionen-Batterien, die so gute Dienste in Computern und Mobiltelefonen leisten, sind in Bezug auf Lebensdauer, Energiedichte und Ladezyklen noch nicht gut genug und werden es in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich erst allmählich werden. Jeder möge sich aber an sein erstes Mobiltelefon erinnern und bedenken, um wie viel leistungsfähiger die aktuellen Modelle innerhalb weniger Jahre geworden sind. Die Leistungselektronik ist deshalb komplex, weil oft Spannungen bis 600 Volt benötigt werden und damit deutlich mehr als in der bisherigen Autowelt. Am einfachsten sind die Elektromotoren, die schon heute bestens funktionieren.
Elektroautos verändern urbanes Leben
Politisch bietet das elektrische Fahren riesige Möglichkeiten. Gerade in urbanen Räumen, wo Elektroautos zuerst zum Einsatz kommen werden, werden neue Mobilitätskonzepte Wirklichkeit. Der typische Autonutzer, der täglich nicht mehr als 40 Kilometer fährt, wird kleinere, leichtere, günstigere und umweltfreundlichere Autos fahren als bisher. Er kann wählen, aus welcher Quelle seine Energie stammen soll. Nicht benötigte Energie kann von der Autobatterie zurück ins Netz eingespeist werden – Energie wird zu einer neuen Währung. Städte werden lebenswerter, ihre Bewohner gesünder. Politiker werden Farbe bekennen müssen, ob ihnen der Milliardenertrag aus der Mineralölsteuer wichtiger ist als der Schutz von Umwelt und Gesundheit. Selbst wenn neue Mautsysteme entstünden, so werden tatsächliche Nutzung und konkrete Schadstofffreiheit immer wichtiger. Sehr bald schon werden Politiker sich vor Elektroautos fotografieren lassen.
Realistisch betrachtet und allen Prognosen zufolge werden Elektroautos erst nach und nach die Straßen erobern – in knapp zehn Jahren aber könnte schon jedes fünfte Auto mit Strom fahren. Natürlich werden die Opec-Länder ihren Einfluss nicht freiwillig aufgeben, die Autofahrer noch viele Vorbehalte gegen elektrisches Fahren haben und die Autoindustrie nicht so schnell von einem Jahrhundert der Entwicklung von Verbrennungsmotoren abzubringen sein. Aber es war schon immer schwer, mit Fröschen über die Trockenlegung von Sümpfen zu reden. Je mehr Menschen die Kosten- und Umweltvorteile von Elektroautos „er-fahren“, desto schneller werden sie überzeugt sein.
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Der Artikel gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.
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