Europa & die Welt

Deutsch-britisches Vergleichsprojekt „Mediating Populism“ abgeschlossen




Für „Mediating Populism“ erforschte Das Progressive Zentrum gemeinsam mit dem Think-Tank Demos aus Großbritannien und der Friedrich-Ebert-Stiftung in London die Rolle traditioneller Medien in der Legitimierung und Delegitimierung populistischer Parteien in Deutschland und Großbritannien. Außerdem untersuchte das Projekt den Einfluss, den organisatorische Entscheidungen der Medienmacher auf das Medienverständnis in der öffentlichen Meinung haben.


Die Kurzfassung des Projektergebnisses kann (in englischer Sprache) hier heruntergeladen werden, die ausführliche Studie findet sich hier.  

Die Erfolge von populistischen Parteien und PolitikerInnen sind untrennbar mit der medialen Berichterstattung über sie und ihre Kernthemen verbunden. Dies ist keine neue Erkenntnis, doch erhält diese Dynamik durch die – in den letzten Jahren teilweise bis zur Regierungsverantwortung – erstarkenden populistischen Kräfte und durch eine Medienlandschaft im digitalen Umbruch eine hochaktuelle Relevanz, die neue Fragen auf die Tagesordnung setzt: Wie verändert das Erstarken des Populismus Machtdynamiken zwischen Politik und Medien und welche demokratischen Implikationen leiten sich daraus ab? Welche Rolle spielen Medien bei der Legitimierung und Delegitimierung populistischer Parteien?

Diese und weitere Fragen wurden in unserem deutsch-britischen Vergleichsprojekt „Mediating Populism“ beantwortet. Gemeinsam mit unserem britischen Partner Demos und der Friedrich-Ebert-Stiftung in London wurde im Rahmen des Projekts insbesondere die Rolle traditioneller Medien in der Legitimierung und Diskreditierung populistischer Parteien in Deutschland und Großbritannien analysiert.

 

Zwischen UKIP und AfD: Populismus in Großbritannien und Deutschland im Fokus

Ein gutes Beispiel für den Erfolg aufrührerischer, rechtspopulistischer politischer Kommunikation bieten der Aufstieg der UK Independence Party (UKIP) („Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs“) und ihre tragende Rolle beim Brexit an. Mit Mitteln der Emotionalisierung, übermäßigen Verkürzung oder gar Falschdarstellung von Sachverhalten wurde eine ganze Nation vor riesige und unabsehbare Herausforderungen gestellt.

In Deutschland werfen die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) – zuletzt mit über 12 Prozent bei der Bundestagswahl im September 2017 – Fragen hinsichtlich der Qualität der medialen Debatte auf. „AfD-Themen“ wie Zuwanderung und Sicherheit wurden im Wahlkampf für viele Beobachter in überproportional hohem Maße durch Medienberichterstattung getrieben, wodurch der AfD zahlreiche Möglichkeiten populistischer Kommunikation und Provokation geboten wurden. Aber hat die AfD „die Medien“ tatsächlich so vor sich her getrieben, wie viele Beobachter behaupten?

Mediating-Populism-Logos

Einfluss der digitalen Sphäre

Die steigende Relevanz des Internets als Quelle politischer Information hat in beiden untersuchten Ländern zur Folge, dass sich traditionelle Medien in einem zunehmend komplexer werdenden und zugleich immer stärker umkämpfteren Umfeld behaupten müssen. Patchwork-Realitäten entstehen und sind damit ein Gegenkonstrukt zum Idealbild des kuratierten Informationskanon der traditionellen Medien. Medienorganisationen müssen ihre Aufgabe als Informationsvermittler und informationelle Gatekeeper wahren und sich gleichzeitig in ihrer Berichterstattung durch bewusst gezogene Stimmungsgräben manövrieren und vor allem einen Umgang mit den populistischen Strategien finden, die sich der Aufmerksamkeitslogik der Medienberichterstattung bedienen. Für Journalisten, Redakteure und Medienschaffende ergeben sich daraus grundlegende Fragen in Bezug auf ihre politische Berichterstattung.

 

Projektverlauf und -ergebnisse

Zusammen mit Journalisten, Redakteuren und Medienproduzenten fanden im November und Dezember 2017 sowohl in London als auch in Berlin geschlossene Workshops statt. Darüber hinaus wurden Experteninterviews und Hintergrundrecherchen in Großbritannien und Deutschland durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Anschluss kondensiert und abschließend in einer gemeinsamen Publikation veröffentlicht.

Weiterhin wurde im Vorfeld in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut CIVEY eine repräsentativ erhoben, wie die Darstellung von den Perspektiven von Minderheiten in der Presse von der Bevölkerung eingeschätzt wird.

In der Analyse lassen sich fünf zentrale Befunde herausstellen:

  • Demokratisierung der Nachrichtenberichterstattung: Durch die ständige Zunahme der Nachrichtenquellen und -menge sehen JournalistInnen nicht mehr Informationsmangel, sondern -überfluss als zentrale Herausforderung an, verbunden mit schlechter werdenden Arbeitsbedingungen.
  • Herausforderung der divergierenden Lebensrealitäten: Sozio-ökonomische und kulturelle Homogenität im journalistischen Sektor sowie erodierendes Vertrauen in Teilen der Gesellschaft machen Annäherung an vernachlässigte Bevölkerungsgruppen notwendig
  • Attraktivität durch Provokation, Legitimisierung durch Erreichbarkeit: Populistische PolitikerInnen bieten in ihrer Kommunikation zentrale Aspekte berichtenswerter Nachrichten (Personalisierung, Emotionalisierung, Skandalisierung) und sind nahezu durchgehend bereit für günstig reproduzierbare Statements.
  • Faktenchecks effektiv gegen Falschinformation, setzen jedoch Vertrauen voraus: Fact-Checking ist grundlegendes journalistisches Handwerk, aber angesichts des dafürnotwendigen Vertrauensvorschusses und der emotionalen Dimension von Nachrichten kein Universalmittel gegen Populismus
  • Selbstkritische Beurteilung der Berichterstattung über die sog. “Flüchtlingskrise”: JournalistInnen identifizieren Zielsetzungen, in Zukunft mehr Perspektiven und nüchterne Fakten zu präsentieren, jedoch weniger rechtspopulistische Frames unkritisch zu übernehmen.

Um JournalistInnen dabei zu unterstützen, sich kritisch mit dem medialen Umgang mit populistischen Parteien und PolitikerInnen zu beschäftigen, liefert die Studie Empfehlungen in fünf Schwerpunkten:

  • Zeit und Ressourcen: Nachhaltigere Arbeitspraktiken schaffen und in qualitativ hochwertigen Journalismus investieren
  • Agentur und Expertise: Die Vertiefung von journalistischen Fachkenntnissen befördern und redaktionelle Meinungs- und Entscheidungsfindung demokratisieren
  • Werte und Ethik: Balance und Objektivität in der Berichterstattung vereinbaren und in ethische Praxis einbetten.
  • JournalistInnen und BürgerInnen: Publikumsbindung intensivieren und Empfänglichkeit für Themen und Perspektiven des Publikums stärken
  • Populismus und Plattformbildung: Die “natürliche Affinität” zwischen populistischer Politik und den Medien hinterfragen und durch Transparenz entgegenwirken

 

Links

Die Kurzfassung des Projektergebnisses kann (in englischer Sprache) hier heruntergeladen werden, die ausführliche Studie findet sich hierDie Ergebnisse wurden sowohl in London, als auch in Berlin im Frühjahr 2018 vorgestellt und mit den anwesenden Gästen diskutiert.

Der Artikel von DIE WELT über das Projekt findet sich hier.

 

Fotos der Vorstellung der Projektergebnisse in Berlin

Fotos von Kathleen Pracht.

 

Populismusforschung im Progressiven Zentrum

Das Projekt „Mediating Populism“ reiht sich als weiterer Baustein in die Populismus-Forschung des Progressiven Zentrums ein. So haben wir in der Veranstaltungsreiche Countering Populism and Political Disaffection (ebenfalls unter Beteiligung von Demos) Expertise internationaler Fachleuten eingeholt und zu Strategieempfehlungen verarbeitet. In einem vergleichenden Policy Brief mit unseren Partnern von Terra Nova (Paris) und Volta (Mailand) haben wir den Status populistischer Parteien in Frankreich, Deutschland und Italien analysiert. Unser „Dialogue on Europe“ Thinking Lab zu Populismus führt hierzu gleich sechs nationale Perspektiven aus Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und Deutschland zusammen. Den Fokus auf die Situation in Deutschland haben wir vor allem im Factchecking-Projekt „TruLies“ sowie mit unserem Policy Brief zum Umgang mit Populisten im Deutschen Bundestag (u.a. in der Zeit, der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau diskutiert) gesetzt.