Leben & Arbeiten Veranstaltung

Praktische Raumvermessung der Care-Arbeit in Deutschland

Auftakt der Veranstaltungsreihe #CareKompass
Foto: Per Jacob Blut

Am 13. Mai luden Das Progressive Zentrum und das Deutsche Rote Kreuz zur ExpertInnen-Runde „Praktische Raumvermessung der Care-Arbeit in Deutschland“ ein. ExpertInnen der Praxis, Politik und Wissenschaft diskutierten grundlegende Herausforderungen für einen strukturellen Wandel der Care-Landschaft. Gemeinsam mit Kordula Schulz-Asche, Prof. Dr. Ingo Bode und Prof. Dr. Matthias von Schwanenflügel wurden wesentliche Ursachen und Triebkräfte sowie politische Konzepte zur Verbesserung des Bereichs Care-Arbeit analysiert. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zur Reihe #CareKompass.


Gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen, wie der demographische Wandel und die veränderte Rolle der Frau auf dem Arbeitsmarkt, stellen die Ausgestaltung der Care-Arbeit in Deutschland vor Herausforderungen. Gleichzeitig ist ein Mangel an Fachkräften für Care-Arbeit zu beobachten. Im Rahmen dieses Umbruchs bedarf es eines neuen gesellschaftlich organisierten Gestaltungs- und Handlungsrahmen. Die Roundtable-Reihe von Das Progressive Zentrum und dem Deutschen Roten Kreuz möchte zukunftsentscheidende Fragen des Strukturwandels der Care-Arbeit in Deutschland in drei konzentrierten Roundtable-Sitzungen auf den Grund gehen. Basierend auf den Ergebnissen werden konkrete Handlungsempfehlungen für einen effektiven Wandel formuliert.

Den Auftakt der Veranstaltungsreihe bildete der Roundtable zur „Praktischen Raumvermessung der Care-Arbeit in Deutschland“ am 13. Mai. Ziel war eine Bestandsaufnahme der aktuellen Bedingungen und Herausforderungen im Bereich der Care-Arbeit. Unterstützt wurde die Diskussion durch Inputs von Kordula Schulz-Asche, Mitglied des Deutschen Bundestages sowie Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen für Alten- und Pflegepolitik, Prof. Dr. Matthias von Schwanenflügel, Abteilungsleiter „Demografischer Wandel, Ältere Menschen, Wohlfahrtspflege“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Prof. Dr. Ingo Bode, Professor für Sozialpolitik an der Universität Kassel. Wolfgang Schroeder, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Progressiven Zentrums, moderierte die Veranstaltung.

Ursachen und Triebkräfte einer geschwächten Care-Arbeit

Die aktuelle Situation der Care-Arbeit ist alarmierend – darüber bestand Einigkeit. Trotz des gesellschaftlichen und strukturellen Wandels findet ein Großteil der Care-Arbeit noch immer im familiären Kontext statt. Schulz-Asche verwies auf die geburtenstarke Baby-Boomer-Generation, die momentan ihre Eltern pflegte. Mit den nachfolgenden Generationen, in Kombination mit einem fortschreitenden demographischen Wandel, werde sich die familiäre Pflegekapazität weiter verschärfen, wie Schulz-Asche und von Schwanenflügel betonten.

Gleichzeitig erweist es sich als schwierig, neue hoch qualifizierte Care-ArbeiterInnen zu finden. Eine qualitativ gute Care-Arbeit ist in Zukunft folglich nicht sichergestellt. Einen entscheidenden Grund für die aktuelle Situation sahen einige TeilnehmerInnen in der Einführung der Pflegeversicherung Mitte der 1990er Jahre. Damals wurde das Sorgesystem für privat-gewerbliche Anbieter geöffnet und damit dereguliert. Laut Bode waren niedrige Löhne für Care-ArbeiterInnen, gering qualifiziertes Personal und eine Auflösung des Sozialraumes Pflege im kommunalen Rahmen die Folge. Hinzu komme ein gesellschaftliches Misstrauen gegenüber Care-Arbeit. In Kombination führe dies zu einem Präferenz-Dilemma: Erwartet werden billige Pflege mit Wahlfreiheit, gleichzeitig aber auch Qualität und Sicherheit. Deswegen betonte Bode, dass ein Strukturwandel der Care-Arbeit kein ökonomischer Sachzwang sei, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Verabredungen, welche in starkem Maße kulturellen Mustern folge. 

Schlüsselbereiche Ausbildung, Finanzierung und kommunale Verankerung

Mit Blick auf eine grundlegende Reform der Care-Arbeit wiesen die Teilnehmenden auf die Komplexität und Vielschichtigkeit möglicher Ansätze hin. Als eine der zentralen Herausforderungen wurde die Finanzierung genannt. Diese sei oftmals trotz beschlossener Maßnahmen, wie zum Beispiel im Rahmen der “Konzertierten Aktion Pflege”, nicht gesichert. Somit würde die Umsetzung notwendiger Reformen verhindert. Hier müsse ein Umdenken stattfinden. Mit Blick auf den Mangel an Fachkräften sei zudem die Ausbildung der Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Bislang werden beispielsweise in fünf Bundesländern noch Schulgeld für die Ausbildung zur AltenpflegerIn verlangt. Von Schwanenflügel erläuterte, dass das revidierte Pflegeberufgesetz, das Anfang 2020 in Kraft tritt, erste Abhilfe schaffen werde: Die Ausbildung wird generalistischer gehalten, das Schulgeld abgeschafft und die Finanzierung durch einen Ausbildungsfonds geregelt. Schulz-Asche merkte an, dass es zudem notwendig sei, die Ausbildung für die Langzeitpflegekräfte weiter zu professionalisieren.

Die Grundvoraussetzung für eine größere Attraktivität und Effektivität der Care-Arbeit im medizinischen Bereich könne geschaffen werden, indem das ÄrztInnen-zentrierte System abgebaut und den Pflegekräften mehr Verantwortung übertragen werde – da waren sich die ExpertInnen einig. Häufig seien Pflegekräfte gehalten, Rezepte von ÄrztInnen einzuholen, obwohl sie die Tätigkeiten selbständig und fachkundig durchführen könnten. Überdies sei zu beobachten, dass sich Care-Arbeiterinnen nur schwach organisieren. Schulz-Asche betonte, dass mit Blick auf eine starke Stimme der Pflege sowohl deren gewerkschaftliche Organisation wie auch die Einrichtung von Pflegekammern zu fördern seien.

Unabdingbar sei zudem eine stärker kommunal verankerte Care-Arbeit, da man so die Bedürfnisse der zu Pflegenden wie auch deren Familien besser unterstützen könne. Beispielsweise habe eine aktive Teilhabe am öffentlichen Sozialleben einen positiven Einfluss auf die Selbstständigkeit von älteren BürgerInnen und sei deshalb als wichtige Präventionsmaßnahme zu sehen. Schon kleine Veränderungen würden dies ermöglichen oder eben verhindern. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Care-Arbeit in Zukunft so zu gestalten sei, dass die Menschen in Deutschland nicht enttäuscht werden. Wie wir dahin kommen, ist eine kulturelle, politische und ökonomische Frage, die es zu beantworten gilt.


Die „praktische Raumvermessung der Care-Arbeit in Deutschland“ bildete den Auftakt für das Projekt #CareKompass von Das Progressive Zentrum und dem Deutschen Roten Kreuz. In den folgenden beiden Veranstaltungen liegt der Fokus auf der „Care-Arbeit in Familie, Infrastruktur und Gesellschaft“ sowie der „Care-Arbeit als Haupt- und Ehrenamt“.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden und dem Deutschen Roten Kreuz für einen anregenden und erkenntnisreichen Austausch und freuen uns auf den nächsten Roundtable.