Innovation & Nachhaltigkeit Debattenbeitrag

Strukturwandel nachhaltig gestalten

Wie die Pariser Klimaziele für Deutschland erreicht werden können


Kohlekraft wird in den kommenden Jahren zunehmend von erneuerbaren Energien verdrängt werden. Die Politik muss diesen Gestaltungsspielraum in der Energie- und Strukturpolitik nutzen und gleichzeitig die Energieeffizienz steigern, um die Pariser Klimaziele für Deutschland zu erreichen.


Unsere Gesellschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Bis 2050 soll die Transformation zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft gelingen. Die Emissionen müssen gegenüber 1990 um mindestens 95% sinken. Nur so kann Deutschland seinen fairen Beitrag zum Pariser Klimaziel, die Erderwärmung möglichst bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen, leisten. Schon heute spüren wir an vielen Orten dieser Welt die Folgen des Klimawandels. Bei 1,5 Grad Celsius erreichen wir eine Erwärmung ab der so genannte Kippeffekte – also irreversible Entwicklungen – sehr wahrscheinlich werden. Dazu gehört auch der rasante Meeresanstieg, wie kürzlich erneut belegt wurde.

Raus aus der Kohle

Deutschland muss die Energiewende dynamisch vorantreiben, d.h. die Erneuerbaren Energien naturverträglich ausbauen und die fossile Energieversorgung schnell zurückfahren. Aus der Kohlekraft muss Deutschland noch vor 2030 ausgestiegen sein. Braun- und Steinkohle haben seit 150 Jahren die Energieversorgung Deutschlands geprägt. Im Rheinland und in der Lausitz prägen die Tagebaue und Kraftwerke das Landschaftsbild. Generationen von Familien waren in der Kohleindustrie beschäftigt.

Dass dies nun zu Ende sein soll, bedeutet für die betroffenen Menschen große persönliche Umbrüche und ist mit Ängsten belegt. Auch auf die Frage des strukturellen Umbruchs, muss eine gemeinsame Antwort gefunden werden, die in einem nachhaltigen Zukunftskonzept für die Regionen mündet.

Doch der Kohleausstieg wird auch marktgetrieben kommen. Die Preisentwicklung der Erneuerbaren Energien passt sich zunehmend den fossilen Energien an. Die Nachrüstung vieler alter Kohlekraftwerke an die neuen EU-Emissionsstandards wird sich kaum noch lohnen. Der Neubau von Kohlekraftwerken ist wirtschaftlich unsinnig. Schon in den vergangenen Jahrzehnten haben die hinter den Kraftwerken stehenden Unternehmen tausende Arbeitsplätze abgebaut und planen weiteren Abbau. Beides, Klima- und Strukturpolitik, bedeuten, dass die Politik und Regierenden handeln müssen. Es gilt jetzt, den ohnehin laufenden Strukturwandel bewusst und für eine nachhaltige Zukunft zu gestalten.

Es ergeben sich hierdurch auch positive Nebeneffekte, denn ein Ende der Tagebaue würde den Raubbau an der Natur stoppen. Die akute Bedrohung der Grund- und Fließgewässer würde aufhören. Und auch die gesundheitsbelastenden Emissionen an Stickoxiden, Schwefel und Quecksilber würden eingedämmt werden.

Wie die Energiewende gelingen kann

Gleichzeitig bietet die Energiewende neue Chancen der Teilhabe für Bürgerinnen und Bürger. Die alte Energieversorgungsstruktur hatte durch ihre Zentralität sowohl die Infrastruktur als auch den Profit bei wenigen großen Konzernen konzentriert. Ein dezentral ausgestaltetes Energiesystem steht jedoch für Demokratisierung und mehr Nachhaltigkeit. Gleichzeitig gilt: Je besser die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, desto größer ist ihre Akzeptanz für Veränderungen. Es ist daher an der Zeit, dass die Benachteiligung der echten Bürgerenergie durch die Ausschreibung von Solar- und Windkraftanlagen wieder beendet wird. Die angekündigte Novellierung des Mieterstromgesetzes ist als ein möglicher Beitrag zu begrüßen, auch in der Stadt Teilhabe zu gestalten.

Damit die Energiewende naturverträglich, schnell genug und vergleichsweise kostengünstig gelingt, muss außerdem die Reduktion des Energieverbrauchs endlich politisch vorangetrieben werden. Denn auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien verbraucht wertvolle Rohstoffe, kostet Geld und führt zu Eingriffen in Flora und Fauna.

Da in Zukunft auch in anderen Sektoren (Wohnen, Verkehr, Industrie) Stromversorgung eine deutlich größere Rolle spielen wird, müssen wir den aktuellen Stromverbrauch mindestens halbieren und gleichzeitig den Stromhunger neuer Anwendungen in Grenzen halten. Das kann nur gelingen, wenn die Effizienz von Produkten, Anlagen und Gebäuden massiv gesteigert wird. Vor allem im Gebäudebestand gibt es noch viel an Effizienzsteigerungen nachzuholen, die Sanierungsrate stagniert seit Jahren. Darüber hinaus müssen Regeln und Anreize gesetzt werden, um den Trend nach immer mehr und größeren Arbeits- und Wohnflächen, Fahrzeugen, Konsumprodukten und Dienstleistungen umzukehren. Sonst laufen wir Gefahr, dass Effizienzgewinne nicht zur gewünschten und dringend notwendigen absoluten Reduktion des Energieverbrauchs in Deutschland führen.

Es gilt also unsere Konsum- und Produktionsweisen grundsätzlich zu überdenken, gemäß dem Motto: Gut leben, statt viel haben!